"Das Leben ist wie ein Buch: Wer nicht reist, liest nur eine Seite davon."

Jean Paul (1763 - 1825)

Freitag, 26. Februar 2010

Am Dienstag, dem 16.Februar gehts los, meine Gastmama bringt mich und Martha mittags um zwoelf zum Busterminal. Von dort aus fahren wir nach San Juan, einer 350 000 Einwohnerstadt im Westen Argentiniens. Meine AFS-Betreuerin Josefina ist dort aufgewachsen und ihre Familie hat angeboten, uns fuer zehn Tage aufzunehmen. Mit dem Bus gehts also los, neun Stunden soll die Fahrt dauern, aber da wir in jedem noch so kleinen Doerfchen anhalten, werden es im Endeffekt elf. Dank der tollen tollen Klimaanlage kommen wir abends trotz langer Jeans, Socken und Pullover wir eingefroren an und sind froh, als uns von draussen die warme Nachtluft entgegenschlaegt. Guille, Joses Mama erkennen wir sofort, obwohl wir sie vorher noch nie gesehen haben. Sie laechelt uns so herzlich an, dass wir nicht nachfragen brauchen. Und als sie uns fest an ihre muetterliche Brust drueckt (hoert sich vielleicht bloed an, aber passt einfach total zu ihr :P) sind wir einfach nur gluecklich... Zu Hause angekommen lernen wir Luchi kennen, die grosse Schwester. Sie ist 25 und genauso wie ihre Mutter total offen und herzlich. Wir fuehlen uns also schonmal gleich richtig wohl :)Onkel Luis und Tante Marisa aus Mendoza (der Stadt gleich "nebenan", d.h. zwei Stunden Autofahrt entfernt)sind auch gerade zu Besuch und ganz begierig, alles ueber uns zu erfahren und uns von ihren Freunden und Verwandten in Oesterreich zu erzaehlen...Trotz der tollen Gesellschaft und obwohl wir ja eigentlich den ganzen Tag geschlafen hatten, waren wir super muede und gingen direkt nach dem Abendessen ins Bett (ein Uhr ungefaehr :P)... Den naechsten Morgen verbrachten wir mit Luci am Pool, erfuhren ein paar Dinge ueber die Familie und ueber die Stadt, zum Beispiel, dass es nie regnete. Das Wasser war Schmelzwasser von dem Schnee, der hier im Winter die Berge bedeckte.. (San Juan liegt ganz am Rand des Landes, wo die Anden Argentinien und Chile teilen, man sieht also rundherum Berge, die jetzt im Sommer einfach nur braun und trocken sind. Das einzige Gewaechs, was man findet, sind Kakteen). Nachmittatags zum Mate gibt es Semitas, ein typisch San Juanines Gebaeck mit kleinen Speckstuecken drin - super lecker ;)
Am naechsten Morgen kommt dann auch Jose aus Cordoba an, fehlt also nur noch Alfredo, der Papa der Familie... Er wuerde allerdings erst am Freitagabend eintreffen, weil er ueber die Woche in Buenos Aires lebt, weil er dort arbeitet (er fliegt jeden Freitag von B.A. nach San Juan und Montagmorgens wieder zurueck, ist zwar ziemlich teuer, aber im Bus waeren das 15 Stunden). Mit Jose und Luchi fahren wir dann zu einem Stausee, der auch ein grosses Schwimmbecken hat, die beste Moeglichkeit um die Hitze hier auszuhalten... Es ist zwar nicht so schwuel wie zum Beispiel in Cordoba, aber dafuer kommt man leicht mal auf ueber 40 Grad. Auf dem Hinweg zum See bin ich nur damit beschaeftigt, die gelbbraunen, felsigen Berge anzuschauen. An einer Stelle gelangen wir an einen Fluss mit tuerkisem Wasser, die einzige Stelle, wo es auch ein paar Pflanzen gibt....
Am naechsten Tag stehen wir schon um sieben Uhr morgens auf, Guille muss nach Mendoza zum Arzt und nimmt uns und Marisa und Luis mit. Nachdem wir die beiden zu ihrer Wohnung gebracht haben laesst Guille uns in der Einkaufsstrasse raus und faehrt weiter zu ihrem Arzt. Wir erkunden also ein bisschen die Stadt, alles ist hier viel gruener als in Cordoba (von Natur aus gibt es zwar nicht so viele Pflanzen, aber die ganzen Strassen sind vollgepflanzt und es gibt viele Parks, um gute Atemluft zu haben) und es gibt viele Restaurants und Cafés zum draussensitzen, aehnlich wie in Deutschland. In Cordoba sind die Buergersteige so schmal, dass es gar nicht moeglich waere auch nur einen Tisch aufzustellen. In einem Laden kauften wir Schokolade und Wein als Mitbringsel fuer unsere Familien, San Juan und Mendoza sind naemlich die bekanntesten Weinanbaugebiete (sagt man das so??) Argentiniens... Nach dem Mittagessen bei Marisa und Luis fahren wir ein Stueckchen auf einen Berg rauf, wo es ein bekanntes Denkmal gibt. Von oben sieht man ueber einen grossen Teil der Stadt und der Berge, total schoen :) Abends wieder in San Juan angekommen sitzen wir mit Jose zusammen und reden ueber alles Moegliche... Sie zeigt uns Fotos und erzaehlt von ihrem Austausch nach Neuseeland (ist schon ein paar Jahre her, sie ist jetzt 21)... Es ist jedes Mal super schoen, mit anderen Austauschschuelern oder Ehemaligen zu sprechen, weil sie einen einfach total verstehen :) Und dann, noch spaeter gehen wir mit Jose und ihren Freundinnen in eine Disko in San Juan - oder versuchen es wenigstens. Vor dem Eingang stehen naemlich Polizisten anstatt normaler Tuersteher, was es ohne Ausweis etwas schwierig macht. In Cordoba haben wir als Austauschschueler nie Probleme, irgendwo hereinzukommen, aber San Juan...... Naja, es war so voll, dass ich schon fast in die Disko reingefallen bin, weil alle so gedrueckt haben, aber diese Polizistin (es war zu meinem Unglueck auch noch eine Frau :D) hat mich nur mit einem voellig boesen Gesicht angeguckt und mich angeschnauzt, ich sollte mir gar nichts einbilden und sie wuerden mich nicht durchlassen. Ich hatte den Gedanken sowieso schon aufgegeben, aber ich konnte auch leider nicht wieder raus, weil von hinten immer mehr Menschen kamen... Das hat die Polizistin aber leider nicht verstanden... Irgendwann haben ich mich dann mit Martha und Jose (ihre Freundinnen waren schon drin) zu der anderen Tuer durchgedraengelt, da wollte man aber auch kein Erbarmen zeigen. Erst als Luchi kam und den Tuerstehern von innen mit den schon bezahlten Eintrittskarten zuwinkte, liessen sie uns eeeendlich rein ;) Einmal drin war es dann auch echt super, die Disko war zum groessten Teil draussen und es lief super Musik... :)
Der naechste Tag beginnt mit einem leckeren Mittagessen mit der ganzen Familie... Alfredo (morgens angekommen) ist genauso wie ich ihn mir vorgestellt hatte, gross und breit und super herzlich. Er umart und zur Begruessung und nennt uns seine "hijitas" (Toechterchen, total suess... ;P). Und es fuehlt sich irgendwie so an, als wuerden wir diese Familie schon ewig kennen, wo es doch eigentlich erst ein paar Tage sind. Es tut gut, mal wieder so eine richtige, typische Familie zu haben, wo man in den Arm genommen und umsorgt wird. Meine Mama und Schwester in Cordoba liebe ich zwar total, aber sie sind in solchen Sachen einfach anders, da fehlt mir halt manchmal was... ;)
Am Sonntag fahren wir noch einmal in die Berge in die Naehe vom Stausee.. Diesmal kommt Luchi (eine Cousine) mit, die als Hobby klettert und uns unbedingt noch einmal ein Stueck mit auf den Berg nehmen wollte. Wir wandern also ein bisschen, schauen uns die Gebirge und den See von oben an und fahren dann wieder nach Hause. Auf dem Rueckweg besichtigen wir einen Weinkeller, der in ein paar Stollen im Berg angelegt ist. Eigentlich ganz interessant, aber der Fueher redet wie von einer Kassette abgespult und will eigentlich nur darauf hinaus, dass wir nachher ein paar huebsche Flaschen mitnehmen (bzw.kaufen)... ;)
In den restlichen Tagen lernen wir die Familie noch mehr kennen und lieben, wir treffen uns mit Freunden von Jose und besuchen ein paar Plaetze der Stadt, wie zum Beispiel die Kathedrale, einen Konzertsaal (der drittgroesste akustische Konzertsaal der Welt, alles ist aus Holz gemacht und so konstruiert, dass man keine Mikrophone braucht. Als ich die kleine Treppe heruntergestiegen bin um unten von der Buehne Fotos zu machen, habe ich mir die Flip-Flops ausgezogen, weil ich das Gefuehl hatte, dass ich so einen Krach mache... Wir hatten auch einem Mann dabei, der uns ein paar Dinge erzaehlt hat, wie zum Beispiel, dass das Leder, aus dem die Sitze gemacht sind, von noch ungeborenen Kaelbchen stammt. Das fand ich irgendwie ein bisschen unangebracht und ehrlich gesagt ziemlich abstossend...), und ein Museum ueber die Entwicklung der Stadt, bzw. zur Erinnerung an die Opfer des Erdbebens, das 1944 ganz San Juan zerstoert hat. San Juan ist sowieso eine recht gefaehrdete Gegend, es gibt immer mal wieder kleinere Erdbeben, aber dieses eine hat wohl alle uebertroffen. Die ganze Stadt ist in sich zusammengefallen und ein Grossteil der Bevoelkerung getoetet worden. Deshalb gibt es in San Juan heute keine alten Gebauede mehr, alles wurde neu (und jetzt erdbebensicher, das heisst auf keinen Fall hoeher als 9 Stockwerke) gebaut. In dem Museum sind Fotos ausgestellt von der Stadt, wie sie vorher aussah, dann gibt es einen Simulator, in dem man die Staerke des Erdbebens nacherleben kann (erst faengt es ein bisschen an zu wackeln, man kommt sich vor wie in einer alten Eisenbahn, aber auf einmal wird es von einer Sekunde auf die naechste richtig heftig, ich habe mich vor Schreck an meinem Stuhl festgekrallt) und wenn man wieder rauskommt bekommt man die Fotos von der zerstoerten Stadt zu sehen, von den Truemmern und Leichen und Menschen, die, vielleicht gerade im Bademantel, auf der Strasse nach Ueberresten ihrer Familie oder ihrer Wohnung suchen. Und obwohl ich schon vor dem Besuch dieses Museums gewusst habe, was passiert war, beruehrt es mich irgendwie total und mir wird erst einmal bewusst, wie viele Leben, Traueme und Familie hier innerhalb von ein paar Minuten zerstoert wurden.
An unserem letzten Tag gehen wir dann die "Difunta Correa" besuchen. Jose ist inzwischen wieder in Cordoba und Alfredo in Buenos Aires (er ist morgens frueh gefahren und vorher noch einmal bei uns ins Zimmer gekommen, um uns einen Abschiedskuss zu geben, genau wie er das immer mit seinen richtigen Toechtern macht, soo suess :D), also bleiben Guille, Luci, Martha und ich, ausserdem kommt Luchi (die Cousine) noch einmal mit. Naja, bevor ich euch ueber den Ort erzaehle, sollte ich wohl erstmal die dazugehoerige Legende erzaehlen:

1841 - in Argentinien herrschte Buergerkrieg - wurden in San Juan viele Maenner von spanischen Soldaten verschleppt. Darunter auch der Ehemann der gerade Mutter gewordenen Deolinda Correa. In ihrer Verzweiflung und in der Hoffnung, ihren Mann zurueckholen zu koennen, machte die junge Frau sich mit ihrem Baby auf, um ihm zu folgen. Sie verirrte sich jedoch und stieg, um die Orientierung wiederzugewinnen auf einen Berg. Ohne Wasser hatte sie jedoch bald keine Kraft mehr, weiterzugehen. Eine Gruppe von Gauchos fand sie ein paar Tage spaeter tot auf. Das Kind hatte wie durch ein Wunder ueberlebt - die Difunta hatte es sich bevor sie starb an die Brust gelegt, sodass es sich selbst nach ihrem Tod durch die Muttermilch am Leben halten konnte.

Naja und diese Geschichte ist hier (und angeblich auch in aller Welt) sehr bekannt. An dem Ort, wo die Difunta gestorben ist, wurde ein Denkmal gebaut, ein Haeuschen mit einer Figur drin, eben der Ort, den wir besichtigen wollten. Und es war wirklich beeindruckend. Ich wusste, dass die Menschen hier sehr glaeubig sind, ich wusste, dass bis heute jedes Auto und jeder Bus auf dem Weg nach San Juan an dem Denkmal haelt, um die Difunta zu gruessen, viele lassen ihr zum Beispiel eine Flasche Wasser da, weil angeblich sonst irgendetwas passiert, man hat einen Unfall, der Reifen platzt oder Aehnliches. Aber als ich dann die Ausmasse vor mir sah, war ich einfach nur sprachlos. Das Denkmal ist etwas erhoeht gebaut, man muss etwa 30 Meter flache Treppen steigen, die von hunderten kleiner Modellhaeuser gesaeumt sind, die alle Sprueche, wie "Danke Difunta!" oder "Beschuetze unsere Familie" oder solche Dinge tragen. Weiter oben dann die angekuendigten Wasserflaschen... Vor dem Haeuschen stehen etwa zweihundert, hinter einem Zaun ein gigantischer Berg weiterer, leerer, schon weggeraumter Flaschen. Und dann gibt es noch andere Geschenke, die man der Difunta mitgebracht hat: Hauptsaechlich kleine Metallplaketten mit Gruessen und Wuenschen, aber auch andere Dinge. Weiter unten gibt es naemlich extra fuenf oder sechs weitere Haeuschen nur fuer die GEschenke und alle Waende sind von oben bis unten voll mit den Plaketten. Ein Haeuschen hat Geschenke, die mit Sport zu tun haben (Medallien etc.), eines ist mit ueber 5000 Kleidern gefuellt (die man sogar ausleihen kann), es ist echt Wahnsinn. Und die Leute glauben total an dieses Wunder, sie besuchen diesen Ort wie eine Wallfahrtsstaette, laufen manchmal zu Fuss den ganzen Weg aus San Juan (60km), rutschen die Stufen auf Knien hoch oder laufen rueckwaerts. Oben angekommen beruehren sie erfuerchtig die Figur (eben eine tote Frau mit Baby an der Brust, ich fands nicht besonders ansprechend) und machen danach ein Kreuzzeichen...Naja, es war auf jeden Fall ziemlich beeindruckend, ob man jetzt dran glaubt oder nicht ;)
Obwohl wir nur zehn Tage in dieser Familie gewohnt haben, haben wir uns nachher am Busterminal alle die Augen ausgeheult. Wir hatten uns einfach so wohl gefuehlt und obwohl wir uns sicherlich noch einmal wiedersehen werden, ist es doch irgendwie nicht dasselbe...Trotz dieser traurigen Verabschiedung war es aber eine richtig richtig schoene Zeit :)

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